Kinder denken nicht in Kategorien. Sie nehmen, was da ist, und machen einfach. Mein Kind legt seit Jahren intuitiv Buchstaben aus Stiften, Essen oder Stöcken. Ohne Hintergedanken. Genau diese Unbekümmertheit ist die beste kreative Inspiration. Manchmal braucht es kein Moodboard, sondern nur einen Küchentisch.
Wie mein Kind mich immer wieder aufs Neue kreativ inspiriert
Es gibt Menschen, die sich ihre kreative Inspiration mühsam erarbeiten. Moodboards, Pinterest-Recherche, stundenlange Spaziergänge in der Hoffnung, dass irgendwas zündet. Und dann gibt es Kinder. Die brauchen das alles nicht. Sie machen das einfach so.
Fußboden als erste Leinwand
Es fing an, als es ungefähr fünf oder sechs war. Ich komme ins Zimmer und da liegt sein Name auf dem Boden. Seitenverkehrt, aus Buntstiften gelegt. Nicht gemalt. Nicht geschrieben. Gelegt. Mit den Stiften selbst als Material. (Übrigens für Kleinkinder sind Buchstaben noch abstrakte Zeichen, die sie sich einfach nur in Reihenfolgen einprägen.)
Ich stand da und dachte: Warte mal kurz. Denn genau das ist es, was ich in meiner Arbeit liebe. Buchstaben nicht einfach zu schreiben, sondern aus Dingen zu formen. Aus Materialien, die eigentlich für etwas ganz anderes gedacht sind. Mein Kind hatte das in fünf Minuten intuitiv erfunden, wofür ich als Designerin manchmal einen ganzen Nachmittag brauche. Dass es seitenverkehrt war? Geschenkt. Kreativ war es trotzdem. Oder gerade deswegen.
Von Plätzchenteig zu Laugengebäck
Das Thema Buchstaben-aus-Dingen-formen begleitet mich übrigens schon länger. Ganz am Anfang meiner Karriere, damals noch nebenberuflich neben dem Studium für die Chemnitzer Werbeagentur Vogeldesign, habe ich eine Weihnachtskarte gestaltet, die an alle Stammkunden ging. Buchstaben aus Plätzchenteig geformt, aufwendig in Photoshop zusammengebaut. Ich war stolz wie Bolle. Heute würde das eine KI in etwa 40 Sekunden erledigen. Aber das ist eine andere Geschichte. Zurück zu meinem Sohn. Der schreibt inzwischen auch Buchstaben in Waldboden und Strandsand. Einfach so, aus eigenem Antrieb, ohne dass ich ihn darum bitte oder ihm irgendeinen kreativen Auftrag gegeben hätte. Und neulich dann: Laugengebäck. Er hat damit meinen Spitznamen gelegt und mich mit den Worten „Schau mal Mama” angeschaut. Ich hab natürlich sofort ein Foto gemacht. Berufskrankheit.
Was Kinder besser können als wir
Kinder denken nicht in Kategorien. Die fragen nicht: „Darf man das so machen?” oder „Ist das professionell genug?” Die nehmen, was da ist, und machen daraus etwas. Fertig. Genau diese Unbekümmertheit ist das, was uns Erwachsenen und uns Kreativen ganz besonders manchmal fehlt. Wir haben so viele Filter im Kopf. So viel „das geht nicht” und „das wirkt unprofessionell” und „was denken die Kunden”. Dabei wäre die erste, unzensierte Idee oft die interessanteste. Mein Sohn weiß das nicht. Er macht es einfach.
Ich glaube, wir sollten öfter mal zuschauen, was Kinder so treiben. Nicht als Ablenkung, sondern als echte Inspirationsquelle. Die besten Ideen kommen manchmal nicht vom nächsten Design-Kongress, sondern vom Küchentisch, wenn gerade jemand mit Salzgebäck spielt.
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Was hat das Buchstaben-Legen eines Kindes mit professioneller Typografie zu tun?
Buchstaben aus ungewöhnlichen Materialien zu formen: aus Stiften, Laugengebäck oder Stöcken, ist ein typografisches Gestaltungsprinzip, das in der Designwelt bewusst eingesetzt wird. Dass Kinder dasselbe intuitiv tun, zeigt: Gute Typografie folgt oft einem natürlichen, spielerischen Instinkt, nicht zwingend einem Regelwerk.
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Was können Grafikerinnen und Grafiker von Kindern lernen?
Kinder fragen nicht, ob etwas professionell genug ist – sie nehmen, was da ist, und machen daraus etwas. Im Designprozess ist genau das oft das größte Hindernis: Ideen werden aussortiert, bevor sie überhaupt skizziert sind. Kinder erinnern uns daran, erst zu machen und dann zu bewerten.
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Wie lässt sich kindliche Unbekümmertheit in den Gestaltungsalltag übertragen?
Die besten Ideen kommen manchmal nicht vom nächsten Design-Kongress, sondern vom Küchentisch. Ein bewusster Blick auf kindliches Spiel, auf die spontane Kombination von Formen, Materialien und Alltagsgegenständen, kann frische Impulse für Layouts, Schriftwahl oder Bildsprache liefern, die Moodboards und Pinterest-Recherchen oft nicht bieten.
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